Umfassende Information zu Kaiserschnitt

Die hohe Kaiserschnittrate in der Schweiz muss jedem Geburtshelfer zu denken geben. Die Gesamthäufigkeit liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Dabei müsste vor allem erklärt werden, weshalb Entbindungen per Kaiserschnitt in Privatspitälern, in denen vor allem Schwangere mit geringem Risiko gebären, signifikant höher sind als in öffentlichen Spitälern. Der von der Hebamme Carole Lüscher-Gysi genannte Grund, dass Ärzte Angst vor Klagen haben, dürfte bestenfalls eine von verschiedenen Erklärungen sein.
Die Aussage der Kollegen P. Dürig und P. Kuhn, dass die Komplikationsrate, insbesondere die Kindersterblichkeit, bei geplanten Kaiserschnitten, niedriger sei als bei Spontangeburten, darf hingegen so nicht stehen bleiben, da sie nicht zu rechtfertigen ist. Die Leitung der risikoarmen Geburt durch eine erfahrene Hebamme oder einen Geburtshelfer mit der Möglichkeit einer rechtzeitigen Beendigung durch Kaiserschnitt bei Abweichungen vom Normalverlauf, die anders nicht zu korrigieren sind, dürfte kaum zu höheren Komplikationen als beim Wahlkaiserschnitt führen. Aber Zahlen dazu gibt es nicht und wird es wohl auch kaum je geben, da in der Gruppe der Spontangeburten auch die Komplikationen wegen einer schlechten Geburtsleitung, das heisst dem Verkennen oder zu späten Erkennen von Problemen im Geburtsverlauf, mit einfliessen (siehe Leserbrief Eltern Th. Lerch vom 18.8.05). Diese unbegründete Aussage führt aber zu einer schweren Verunsicherung der werdenden Eltern.
Auch die Aussage, dass Atemstörungen beim Neugeborenen, die beim geplanten Kaiserschnitt häufiger als bei der Spontangeburt beobachtet werden, "harmlos und von kurzer Dauer" seien, muss präzisiert werden.
Der natürliche Geburtsstress der beim Wahlkaiserschnitt wegfällt, hat die Funktion, die Bewältigung der mit der Geburt verbundenen abrupten Umstellung auf die völlig veränderten Lebensbedingungen des Kindes zu unterstützen. Atemstörungen, die Ausdruck einer gestörten Anpassung an die neue Umgebung sind, können in seltenen Fällen auch nach Wahlkaiserschnitt beträchtlich sein und eine künstliche Beatmung erfordern. Diese mögliche Folge muss den Eltern, die einen Wahlkaiserschnitt wünschen, mit aller Deutlichkeit mitgeteilt werden. Wegen der von den Kollegen aufgezeigten Konsequenzen für Folgeschwangerschaften ist es sicher sinnvoll, Eltern, die mehr als ein Kind planen, von einem Wahlkaiserschnitt abzuraten. Aber jeder Arzt, der in der Geburtshilfe tätig gewesen ist, sollte gelernt haben, wie verbindlich Aussagen von Eltern über die Anzahl der gewünschten Kinder sind.
Zusammenfassend sei betont, wie wichtig eine umfassende Information der Eltern bei Wunsch nach einer Kaiserschnittentbindung ohne medizinische Grundlage ist. Allerdings sollten die Fakten vollständig, korrekt, möglichst verständlich und wertfrei präsentiert werden.

Prof. Dr. Med. Henning Schneider, ehem. Direktor der Universitätsklinik Inselspital, Bern, 2005