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Eva Sophia (Hausgeburt) 19. Mai 2002
von Dorothea
Wir leben in einem alten Haus, das wir liebevoll renoviert haben. Warum sollte unser erstes Kind nicht hier zur Welt kommen, zumal ich der Meinung bin, dass die Geburt ein natürliches, intimes Erlebnis in meinem Frauenleben darstellt? Dieses mit mir wildfremden Menschen in einem Spital zu teilen wäre ich nicht bereit gewesen (ausser im Falle von Komplikationen). Meine Hebamme dagegen war mir im Verlauf der Schwangerschaft nahezu eine Freundin geworden.
11 Tage vor dem errechneten Termin, an Pfingstsamstag 18. Mai 2002, kamen wir spätabends nach Hause und fanden eine Meldung der Hebamme auf dem Anrufbeantworter, sie gedenke am folgenden Tag an die Schweizerische Landesausstellung zu fahren, wir sollten uns so rasch als möglich melden, wenn sich etwas täte. Da ich am Morgen aufgestanden war und irgendwie wusste, dass es in den nächsten Tagen losgehen würde, fand ich, ich hätte keine Lust zu warten, bis sie da sei - wir könnten die Sache ein wenig beschleunigen! Und so taten wir, was knapp 9 Monate zuvor die Schwangerschaft ausgelöst hatte... Nachts erwachte ich wegen eines Ziehens im Bauch, was mich aufgeregt machte und erfreute - aber ich döste weiter. Morgens um ca. 5.15 Uhr gingen Schleim und Blut ab, als ich aufs WC ging. Kaum lag ich wieder im Bett, spürte ich etwas reissen. Abermals auf dem Klo, bestätigte sich die Vermutung: die Fruchtblase war gerissen, das Fruchtwasser allerdings etwas grünlich. Ich weckte meinen Mann, und um 6 Uhr informierten wir der Hebamme, dass ihr Expo-Besuch wohl aufgeschoben werden müsste, und freuten uns über den speziellen Pfingstsonntag. Der 19. Mai sollte der Geburtstag unseres Kindes werden!
Susanna meinte, sie würde so um 9 Uhr vorbeischauen, da meine Wehen mich noch nicht sehr beeinträchtigten. Inzwischen genossen wir das Frühstück, machten alles für unser Kind bereit und begannen mit dem Kochen der Hühnersuppe: unsere Hebamme schlägt vor, bei Geburtsbeginn ein Suppenhuhn mit viel Gemüse bereitzumachen. Die Suppe köchelt dann während der Wehenarbeit und wird am Schluss von allen genossen - in der Tat war es schön, während der Wehen die Suppe zu riechen, und nach der Anstrengung war sie genau das Richtige!
Leider waren meine Wehen nicht effizient gewesen, meinte Susanna um 9 Uhr, und das Fruchtwasser war tatsächlich trübe - das musste abgeklärt werden! Reagiert das Kind auf die Wehen mit Stress? Ein CTG in einer nahen Hebammenpraxis gab Entwarnung, die Hausgeburt konnte fortgesetzt werden. Mittels Akkupunktmassage schaffte es die Hebamme, dass die Wehen ihren Namen so ab Mittag auch wirklich verdienten. Da mein Muttermund derb war, empfahl sie mir, mich auf die Seite zu legen, denn so gehe es etwas rascher. So kuschelte ich mich in mein grosses Wurstkissen auf dem Bett, mein Mann hinter mir, und verlor das Zeitgefühl. Ich lebte nur noch den Rhythmus Wehe-Pause, Wehe-Pause. Mein Mann drückte während der Wehen mein Kreuz, Susanna hielt gegen Ende die Füsse. Es war wunderschön, die Stille in unserem Zimmer, die Vertrautheit und das Entspanntsein - ich schaffte es tatsächlich, wahrend der Wehenpausen kurze Schläfchen zu machen! Irgendwann verspürte ich dann Stuhldrang, und Susanna begleitete mich aufs WC, wo "ich nichts zustande brachte". Zurück im Zimmer, immer noch mit diesem infernalischen Stuhldrang, meinte Susanna, ich sollte doch mal auf den Majahocker - ich war eröffnet und konnte mitschieben! Bloss, wie das gehen sollte? Susanna half mir mittels warmer Kompressen, dafür ein Gefühl zu entwickeln. Es half mir auch, mich in die Beine meines hinter mir sitzenden Mannes hängen zu lassen. Susanna ermunterte mich auch zum Tönen. Ich gab Laute von mir, von denen ich nicht gewusst hatte, dass sie in mir sind! Mein Mann sagte, ihn hätte im Nachhinein besonders gut gefallen, dass er während dieser Zeit immer hinaus in unseren Garten hatte blicken können. Die Bäume dort gaben auch mir Kraft, ich fühlte mich auch nach einer Stunde noch nicht erschöpft oder müde. Als der Kopf sichtbar wurde, dachte ich: Jetzt musst Du noch 2 mal pressen: einmal für den Rest des Kopfes, dann für die Schultern. Und ich presste und presste - da schoss das Kind in einem Schwall dickflüssigen braunen Fruchtwasser wie ein Korken heraus! Es war 17. 57. Ich musste das Kind an den Füssen halten, damit die Hebamme es säubern konnte, dann legte sie es auf den Boden. Erst da verspürte ich Angst: da lag unser Kind so wehrlos und schlaff würde es atmen? Mir schien, nach einer Ewigkeit begannen die ersten zaghaften Versuche - und dann aber brüllte es laut los, nach all den Strapazen! Ich durfte nun unser Kind in den Arm nehmen. Ein Mädchen! Auf dem Bett lag Eva Sophia auf meinem Bauch und schrie noch immer. Sie liess sich kaum beruhigen! Erst nach ca. 30 Minuten, auf dem Arm ihres Vaters, wurde sie ruhig. Die Plazenta wurde über eine Stunde nach unserer Tochter geboren, der Dammriss genäht - und Eva Sophia trank erstmals bei mir an der Brust. Und bald war sie eingeschlafen - ihr erster, wohlverdienter Schlaf in demselben Bett, in dem sie 9 Monate zuvor gezeugt worden war! Es war für uns wie ein Kreis, der sich geschlossen hatte.
Aus der zeitlichen Distanz betrachtet beeindruckt uns an unserem Geburtserlebnis in erster Linie die Ruhe und Geborgenheit der eigenen vier Wände. Wir waren zu Hause und nicht an einem fremden Ort! Und wie schonend die Hebamme mit uns umgegangen ist - im Spital hätte ich des trüben Fruchtwassers wohl liegend gebären müssen, man hätte Eva Sophia sofort abgesaugt und ihr womöglich vorsorglich Antibiotika gegeben - nichts von alldem war nötig. Durch meine aufrechte Gebärhaltung konnte sie keine "Erbsensuppe" einatmen. Man hat mich nicht bedrängt, weil die Plazenta sich Zeit liess. Und immer war dieselben Personen um mich, die mich betreut haben - vertraute, liebe Menschen. Ein schönes Erlebnis, dem sich ein stimmungsvolles Wochenbett im Garten draussen anschloss. Eva Sophia hat dort ankommen dürfen, wo sie auch aufwachsen wird.
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